Am Platz der Galaxis oder der Volksbank-Brunnen der Neuzeit

von Hartmut Danneck, 2025

Goethe hat recht: „Alles ist zu ertragen, nur nicht eine Reihe von glücklichen Tagen.“ Vorgestern war super, gestern auch noch im grünen Bereich, jetzt geht‘s mir schon fast zu gut. Jetzt droht der Kipp-Punkt.

Da habe ich ein Gegenmittel. Raus aus dem Riettor und rüber über den Ring. Da liegt er vor mir: der Platz der Volksbank. Von Designern entworfen, hoch gelobt.

Aber ehrlich: Der Platz hat Chancen beim Wettbewerb um den hässlichsten Platz der Galaxis. Ich bin gerettet. Der Tag kann nicht mehr glücklich werden.

Ein kurzer Gang quer über das graue Gelände reicht jedoch nicht. Erst nach einer halben Stunde kommt die Wirkung. Dann aber todsicher. Eine Spielart der Agoraphobie. Schon Dante hat gesagt: „Ihr, die ihr hier eintretet, lasst fahren alle Hoffnung.“ Er meinte die Hölle, aber er kannte diesen Platz nicht.

Halbe Stunde, mich friert innerlich. Aber es muss sein. Also hinsetzen auf eine von den Bänken da. Wobei: Bänke kann man das nicht nennen. Jeder Sitzkomfort ist erfolgreich unterdrückt, Schwünge und Schnörkel sowieso. Die reine Geometrie, elementar.

Ganz komisches Gefühl, wenn du da sitzt. Ach du Schande. Allein. Nie sitzt hier einer. Auch nicht eine. Platz für 20 Leute. Da kannst du mal links sitzen, dann eher Mitte rechts, auch liegen, ausstrecken. Alles geht hier. Jeder, der vorbeigeht, ist froh, dass er nicht da sitzen muss. Ich opfere mich sozusagen.

Ganz allein bist du nicht. Da stehen noch Lampenmasten. Einige, schon fast etliche. Aber unauffällig. Ohne weiteren Ausdruck. Allerdings mit Aufklebern: „System change“, „No border no nation, stop deportation“. Was halt so herauskommt, wenn Betonköpfe weich werden. Auch Abfallbehälter stehen im Bild. Aber auch die wollen den Gesamteindruck nicht stören.

Dann vor dir ein Brunnen. Man nennt das jedenfalls so. Das muss man wissen. Von selber kommst du nicht drauf. Eine flache Betonschale. Nein, Schale ist geschmeichelt. Eine Scheibe. So wie man sich mal die Welt vorgestellt hat, im Mittelalter. Nur ohne Gott, der die Scheibe damals gehalten hat. Den gibt‘s hier nicht, klar. Oder er war hier, hat den Platz gesehen und ist wieder abgereist.

Kein Wunder, der Platz hat nichts, was dich halten würde. Eher musst du Fluchtreflexe unterdrücken. Ein Schwabe würde fluchen: „Du liabs Herrgöttle vo Biberach!“ Wo sie recht haben, haben sie recht.

Manchmal kommt Wasser aus der Scheibe, auch wieder unauffällig, sparsam, bescheiden. „Wasser quillt“ wäre übertrieben, „Fontäne“ wäre gar eine Halluzination, da bräuchte es drei Gutedel beim Wein-Glunk, bis man die sieht.

Oben auf der Scheibe das Ding. Das thront über dem ganzen Platz. Glasscheiben nebeneinander. Das beschäftigt den Modulhocker. Was soll das sein? Lamellen vom Kühler? Bienenwaben? Oder die reine Geometrie, multifunktional oder postfunktional? Die Welt ist ein Geheimnis.

Am Tag steht das Ding einfach da. Nachts wird‘s spannend. Meistens steht es da immer noch einfach so da. Wesentlich mehr Stoff für die Fantasie als am Tag, dunkel, noch rätselhafter. Man wartet auf etwas. Fast immer ohne Grund. Manchmal leuchtet das Ding. Wenn, dann aber intensiv. Quietschbunt wie ein Malzer.

Noch seltener der Höhepunkt: Es wechselt die Farbe, wie ein Chamäleon. Oder wie eine Reklame am Times Square. Aber ohne Times Square. Alles ganz geräuschlos. Die Minuten schleichen. Nur der Malzer und die Unendlichkeit. Das Rätsel bleibt.

Wozu der Platz? Jedenfalls hält er die Kunden nicht auf, die zur Voba wollen. Die treibt er beschleunigt vor sich her Richtung Eingang. Der ist hinten. Da muss man umdenken, mitdenken. Wer kommt schon ohne Auto?

Man soll aber nicht nur kritisieren. Der Platz hat seine Verdienste. Grad für Sinnierer. Nichts lenkt ab vom Schweifen der Gedanken. Keine Brunnenfigur, keine Statue, kein Busch, kein Baum. Du wirst auf dich selbst zurückgeworfen. Existentiell.

Wäre ein idealer Ort für eine Aufführung von Becketts „Warten auf Godot“. Man wartet auf den Platz. Oder auf Erlösung. Aber Godot kommt nicht.

So, halbe Stunde um. Die Stimmung ist hin. Erlös ich mich halt. Jetzt eine Butterbrezel beim Rietbeck, als Belohnung.

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