Fasnet 3.0 – Kann KI die moderne Naretei der 2020er erklären?

Wie lautet die Kritik an der öffentlichen Narretei, die sich jährlich wiederholt,
an der immer mehr Jecken, Vereins- und Gildenarren und Hasträger teilhaben wollen?

Die öffentliche Narretei – ob alemannische Fasnet oder rheinischer Karneval – lebt vom mitmachen. Und genau dies ruft immer wieder eine gleich lautende Kritik hervor. Die typischen Einwände hierzu wiederholen sich seit Jahren – teils seit Jahrzehnten.

An erster Stelle rangiert der Vorwurf die Fasnacht zum Event zu machen, wobei sich durch „Parties“ in privaten und arrangierten Interims-Stüble mit oft beschränktem Zugang das Ursprüngliche verliere. In immer weniger Wirtshäusern findet immer weniger statt.

So wurde die einstige Traditionspflege zur bloßen Kulisse. Historische Figuren, tradierte Bräuche und die begleitende Symbolik wurden „vereinfacht“ oder folkloristisch ausgeschlachtet.

Aus lang gehegtem Brauchtum wurde stetig und allzu oft ein Spektakel in schierer Masse mit Bühnenprogramm, Feuertaufe, mit Narrentreffen samt Umzügen im Wettbewerb um Prestige. Merchandising nicht ausgeschlossen.

Und so steht längst Quantität vor Qualität. Immer längere Umzüge, immer mehr zunft-interne Gruppen, immer mehr Hästräger oder Jecken, die auch die Zuschauer am Straßenrand nach zwei Stunden und mehr deutlich „ermüden“.

Damit ging auch der einst individuelle Charakter einzelner Zünfte mit deren Ausprägung in der Masse unter.

Die Teilnahme als Narr in Zunft oder Gilde wurde zum Selbstzweck, denn „dabei sein ist alles“, womit immer mehr das Können fehle, wie auch das Strählen den meisten Narros abhanden kam, oder die Kenntnis der darin begründeten Tradition: Wie trage ich mein Häs richtig, um den Brauchtums-schützern zu gefallen.

Auch störe seit Jahren der Kommerz mit hohen Kosten fürs Häs, den Accessoires wie gegossenen Rollen, dem richtigen Schuhwerk, dem Wiener Schal und dessen Preis und Wert, der vor allem auch für die handgeschnitzten, nicht kopierten Schemen gilt.

Und auch deshalb läuft rein monetär betrachtet einiges auch auf biederem Niveau junger Vereine, die seit ein zwei Jahrzehnten ihre Teilnahme versuchen und einfordern.

Das frühere, das auch archaische, das  lokale Brauchtum gerät in den Hintergrund und Banales, wie das Betteln um den Stadtschlüssel oder um die Macht im Rathaus, wird zur wenig inhaltsvollen Wiederholung.

Man darf hingegen längst die Alkohol- und Exzess-Kultur vernachlässigen, denn vieles findet bei weniger Enthemmung, Belästigung, Sachbeschädigungen statt, während die Familienfreundlichkeit die Mitgliederzahlen deutlich erhöht.

Doch damit macht sich eines breit: die oberflächliche Beteiligung jener, auch zugezogener Narren, die ohne Bezug zur lokalen Tradition oft nur aus Prestige- oder Selbstdarstellungsgründen mitlaufen wollen. Soziale Medien verstärkten das Bedürfnis nach Sichtbarkeit.
Die ursprüngliche Rolle der Narren – Kritik, Spott, Spiegel der Gesellschaft –  trat bereits zurück.

Und die Kommunen jammern: Sicherheits- und Umweltprobleme, hoher Müllanfall bei Großveranstaltungen, und dazu auch, dass eingeforderte Sicherheitskonzepte Umzüge verteuern.

Wer dem allen fern bleibt, spürt als Anwohner trotz allem Lärm und Verkehrsbehinderungen.

Sind es weniger politische und gesellschaftliche Spannungen, die diskutiert werden, duckt man sich dann aber auch bei diskriminierenden Darstellungen oder veralteten Stereotype.

Und zwischen Traditionalisten und Reformern sitzen nun doch längst Ratsfrauen im Zunft- oder Gilderat.

Ab dem 11.11. oder dem 6. Janur dann auch die Inflation in der Lokalpresse: Termine-Termine: Hallenfasnet, Straßenfasnet, Kinderfasnet, Seniorenfasnet.
Gefühlt verliert die fünfte Jahreszeit, dehnt sich aus und der Charakter der Ausnahme kam abhanden.

So kreist die Kritik oft um denselben Kern: Wenn viele teilnehmen und weitere dies wollen, wächst das Fest – doch Größe verändert das Wesen.

Zwischen lebendiger Tradition und Events in Masse – wie auch durch die TV-Fasnet – entsteht eine oder auch keine Spannung mehr, die sich deshalb kaum mehr verhandeln lässt.

Wer hört noch auf die Stimme des altgedienten Zunftnarren? „Früher war das Häs keine Verkleidung, sondern Verpflichtung. Man ist hineingewachsen. Man hat gelernt, wie man läuft, juchzt und hüpft und wie man grüßt, wann man schweigt.“

Und heute? Viele wollen nur noch mitlaufen. Hauptsache ist, gesehen zu werden.
Die Maske als Scheme sitzt, aber die Figur fehlt. Das Häs kostet nicht stets ein Vermögen, wenn doch,
wird es zum Statussymbol. Früher war es Stolz auf die Zunft. Heute ist es Stolz aufs Dabeisein.

Kaum war Dreikönig, beginnt das Dauerprogramm. Die Fasnet, einst Ausnahmezustand, wurde zum Eventkalender.

Der Narr- einst Stachel im Fleisch der Obrigkeit- wird zum oft gefälligen Programmpunkt. Der Ernst im Spiel geht verloren, wenn aus dem Brauch eine Bühne wird.

Der skeptische Beobachter von außen kontert: „Ihr redet von Tradition – aber was ist Tradition anderes als Veränderung mit Gedächtnis? Junge oder Zugezogene wollen machen, doch wo ist die Grenze, unter sich zu bleiben oder das Brauchtum zu verwässern.

War früher alles echter oder gab es den Verfall schon vor fünfzig Jahren?

Ist das wahre Problem, dass zu viele mitmachen oder dass verkannt wird, wofür der Narr als Figur steht. So stirbt Tradition nicht durch Beteiligung, sie stirbt durch Bedeutungsverlust.

Der eigentliche Konflikt wird bleiben: Verwässerung oder Versteinerung.

Die alemannische Fasnet bewegt sich genau dazwischen: Bewahren und zugleich offen bleiben.

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