Luxusproblem der Villinger Narrozunft oder Thomas Moser nimmt das Schwert
„Als ich im letzten Jahr den historischen Umzug genoss, schlief neben mir ein Zuschauer ein. Nach einer Stunde wachte er auf und fragte mich: Und, gibt es was Neues? Ich schaute auf den Umzug und sagte zu ihm: Nix, alles beim Alten, und er schlief weiter.
Nun soll der Historische Umzug also kürzer werden. Doch wie schafft man das? Ganz einfach, in dem man an jedem Aschermittwoch öffentlich 50 Häser und 30 Scheesen auf dem Münsterplatz verbrennt.
Damit könnte auch der aktive Kinderhandel endlich eingedämmt werden. Die Betroffenen werden bestimmt und bekommen als Entschädigung zwei Zunftballkarten, die ja mittlerweile angeblich wertvoller sind als Scheese oder Häs zusammen.
Also, für beide Seiten eine gute Lösung. Dies machen wir 5 Jahre und der Umzug ist um rund 20 Minuten kürzer.
Die Schemen und Häsproduktion wird komplett eingestellt, neue Mitglieder keine mehr aufgenommen.
Gut, spätestens jetzt dürfte dem einen oder anderen Zunftrat das Frühstücksbrötchen aus der Hand gefallen sein, verbunden mit dem Aufschrei: „Der Moser spinnt jetzt komplett, zwei Karten für den Zunftball, da langt auch eine“.
Gut, ich gebe zu, es ist satirisch und närrisch auf die Spitze getrieben, doch in jeder Provokation steckt immer auch ein bisschen Wahrheit.
Ja, unsere Historischen kommen ins Grübeln vor lauter Problemen. Doch sind dies überhaupt Probleme?
Die Zunft ist ein expandierendes Unternehmen in Zahlen, Mitgliedern und Umzugsteilnehmern, wächst weiter und jammert.
Jedes andere wirtschaftliche Unternehmen wäre glücklich über diese rosigen Aussichten. Die deutsche Wirtschaft fordert Mehraufwand. Irgendwie verkehrte Welt… oder?
Dies nennt man dann wohl ein historisches Luxusproblem.
Der Kontrollverlust über euer historisches Erbe, liegt schon Jahrzehnte zurück und ist dem heutigen Zunftrat nicht anzulasten. Nein, ihr dürft jetzt die Mehlsuppe auslöffeln, die euch eure Vorgänger eingebrockt haben.
Über 90 % eurer Häser befinden sich in Privatbesitz. Über die Nutzung, oder Weitergabe dieser Häser, habt ihr keine Kontrolle. Ihr wisst ja noch nicht einmal wieviel Häser überhaupt im Umlauf sind, noch kennt ihr dessen Besitzer.
Da waren die Rottweiler im bewahren und Hüten ihres Brauchtums leider besser. Das, was ihr jetzt als Veränderungen plant, ist reine Augenwischerei und wird sich nicht durchsetzen lassen. Nur Umzugsteilnahme von Mitgliedern? Wer soll das kontrollieren? Ein Umzugszeichen am Häs? Wenn ich laufen will, dann laufe ich, auch ohne Kennzeichnung am Häs und es wird mir keiner verbieten.
Die Kontrolle über euer historisches Brauchtum und Erbe werdet ihr nicht mehr zurückerlangen.
Das unkontrollierte Ausufern könnt ihr versuchen zu regulieren, nur, ob dies gelingt, kann getrost bezweifelt werden.
So seid ihr leider ein Zunftrat ohne wirkliche Macht zur Veränderung. Und deshalb bleibt für euch weiterhin nur das Zusehen und Verwalten und Hoffen darauf, dass das Wetter an Fastnacht so schlecht ist, dass bei dem einen oder anderen Hästräger die Hästruhe geschlossen bleibt und dies dann hoffentlich für immer.“
Mit satirisch närrischem Gruß