„Das Museum“ – noch immer ein honoriger Club

Der humorige Baurat Franz Ganter schuf 1942 1300 Verse und 44 Zeichnungen zur Stadtgeschichte – Frohe Stunden zum 500-er Jubiläum der „Herrenstube“

Zur 500 Jahr-Feier für 1942 gefertigt:  die Broschüre über die „ehrsame Zunft“ derer mit Salär, Besitz und Eigentum.

Villingen 1942 – in Ost und West tobt der Krieg, zu dessen widerwärtigen Taten auch viele Männer aus der Zähringerstadt an die Fronten gerufen wurden. Einer von ihnen war der städtische Baurat Franz Ganter, ein wohl ganz und gar humoriger Mann, der damals mit vielen weiteren mehr oder weniger populären Personen der örtlichen „Museumsgesellschaft“ angehörte, zuvor ab 1829 ‚Leseverein‘ genannt, die damit wohl  indirekt als Vorläufer des späteren Geschichts-und Heimatvereins Villingen (1969) gelten kann, der aktuell sein 50-jähriges Vereinsjubiläum in 2019 feiert.

 Noch bevor Vorstand Ganter seinen Stellungsbefehl erhielt, um als Hauptmann in der Wehrmacht zu dienen, hatte er zuvor wohl noch viele heitere Wochen wenn nicht gar Monate damit verbracht, den Mitgliedern und Freunden des „Museum“ eine umfangreiche Broschüre zu hinterlassen, wie ein solches Exemplar jüngst den Wahl-Villinger Jürgen Fauth aus Schörzingen überraschte.

Ihm fiel zu, was wohl nicht allzu oft als historische Spezialität in privaten Schatullen liegt: Ganters „kurzer launiger Gang durch die Jahrhunderte“, wie dies in einem Beiblatt zur Broschüre der damalige Schriftführer Dr. Haas formulierte.

Ein Anruf im Juni 2019 auf diesen Post machte deutlich:

Es gibt sie auch heute noch, die Museums-Gesellschaft, wenn auch als „geschlossene Gellschaft einiger weniger“, in der man gerne unter sich bleibt, wie ein honoriges Mitglied des Jhg. 1939 erklärte.

Man treffe sich regelmäßig, veranstalte kurze Ausflüge zu allen möglichen Ausstellungen und auch ansonsten hocke man in eher unauffäliger Runde zusammen. Pessearbeit gebe es seit längerem deshalb keine…Wozu auch?

Einst Zunfthaus der Ehrsamen Müßiggänger für die Herren des Rats, der Edelleute, der Geistlichkeit, der Amtsleut‘, der Gelehrten und derer, die kein Handwerk nährte

Haas benennt vor 67 Jahren (2019) die aktuelle Zeit, als die „des Mangels, der Rohstoffknappheit und der Herstellungsbeschränkungen“, und doch habe sich eine Lektüre mit 46 Seiten für die Mitglieder des „Museum“ mit über 1300 Zeilen und 44 Federzeichnungen ergeben, um ihnen „einige frohe Stunden zu bescheren.

Wollte man doch 1942 ein 500-er-Jubiläum feiern; nämlich das der

„ ‚Zunft der Ehrsamen Müßiggänger‘, den Herren des Rats, der Edelleute, der Geistlichkeit, der Amtsleut‘, der Gelehrten und derer, die kein Handwerk nährte“,

weil sie auf sich und ihrsgleichen Besitz und Eigentum vereinten.

In exzellent formulierten Zeilen und Versen über fünf Jahrhunderte Stadtgeschichte ließ sich Ganter nicht nehmen, die Namen seiner Mit-Gesellschafter  reizvoll einzubauen, die er meist ohne Vornamen benennt:

 

Bis heute erhalten: Wappenschild in der Rietstraße

Noelle-Nord, Justizrat Müller, Treuhänder Hitz, Chirurg Pfanz, Direktor Baumann, Pharmazeut Hämmel (eh. Stadtapotheke), Rat Schandelmaier, Jägermeister Gayer, Dr. Dietz (Tierarzt), Direktor Walz, Dr. Gustav Naumer sen. (s. Bild; eh. HNO-Arzt, auch des Villinger Malers Waldemar Flaig), Oberamtmann Müller, Jurist Hutten, Kaufmann Spathelf  (Kolonialwaren), Pharmazeut Fischer, Kerkhoff, Hässler, Eckert, Essig, Professor Goebel, Alois Oberle, Spitznagel, Oberamtmann Teufel, H. Metzger, Dr. Ballweg, Syndikus Handtmann, H. Neukum, Dr. Kienzle, H. Kleinboek und Dekan Barner.

Dazu schreibt Ganter: „Ich will euch nicht Geschichte schreiben, ich will euch nur die Zeit vertreiben, doch schlüpften ab und an beim Dichten mir Namen in die Feder rein, die nicht so alt wie der Verein.“

Phantasievoll skizziert: das Haustor Rietstraße 20, das in der Neuzeit Sitz der Volksbank war und zuvor dem Kaufmann Stadelmann für Obst und Gemüse diente.

 

Und Ganter führt aus, wo früher die Herrenstube war: „… doch dass man Kohl verkauft darin, war nicht mehr nach der Gründer Sinn“, und wie man den Zunftsaal erreichte: „…ein Leuchterweibchen sah man nur, doch von Verrat war nicht die Spur, man hatte es mit Vorbedacht am Deckenbalken festgemacht“.

Ganter benennt auch den ‚Stubenknecht‘ und dessen Pflichten: „…auch sinnreich war die Bierausschänke, flankiert durch breite Kannenschränke, drin stand zu eigen jedem Zecher für’s Bier die Kann, zum Wein der Becher“.

 

Ganter schließt den historischen Kreis seiner Betrachtungen mit dem 31. Dezember 1828:

 

Das Lüsterweibchen als Zeichnung, das im Original im Alten Rathaus bis heute den Betrachter fasziniert und überrascht.Und Ganter schließt den historischen Kreis seiner Betrachtungen mit dem 31. Dezember 1828:

„Die Herrenstube riecht nach Schimmel und passt nicht mehr zum Genien-Fimmel, und darum wird sie kurzerhand nun in ‚Museum‘ umbenannt“.

 Auf ein solches Ganter Schlusswort hätte man sich auch 67 Jahre nach dessen Reimen beim GHV Villingen auch in 2019 gefreut, denn ein solch begnadeter Verseschmied wie Ganter findet sich wohl nicht mehr so schnell in der alten Stadt Villingen.

 

Stolz bis 1899: bei der 900-Jahr-Feier zogen die Edlen und die Patrizier beim Umzug mit.

 

 

Zeichnungen aus Franz Ganter, Museumsgesellschaft 1942.

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