Der letzte Ritter der Warenburg

Die Mär von Bauer Meder und dem waghalsigen Hartmut

nacherzählt von Wolfgang Bräun

Es war um das Jahr 1909, als ein Josef Glatz aus Rietheim davon erzählte, was sich ungefähr 300 Jahre oder noch länger zuvor ganz in der Nähe von Villingen zugetragen haben soll, als hierorts der tatkräftige Bauer, der wehr- und wahrhafte Bürger Lorenz Meder lebte, dessen Nachfahren auch heute noch seinen Namen tragen.

Zu Lorenzens schwerer Zeit lebte auch der letzte Ritter der Burg Warenberg, Walfried von Breetz, der den Landleuten und vor allem auch dem Lorenz Meder meist rücksichtslos und feudal begegnete.

Als der alte Meder einmal im Frühjahr mit sechs Pferden seinen Acker pflügte, wollte der boshafte Ritter, dass der Meder ihm eines seiner Rosse abspanne, weil er einen wichtigen Ritt vor sich habe.

Da aber der Warenberger und seinesgleichen bereits ziemlich an Achtung eingebüßt hatten und man einige auch schon vertrieben und aufständische Bauern schon Burgen zerstört hatten, was dem Meder bekannt war, weigerte er sich, dem Ritter ein Pferd zu überlassen. Hatte er doch den Verdacht, dass der Ritter mit seinem Pferd ohne Gegenleistung die Flucht nehmen wollte.

Als der Ritter dem Meder Gewalt androhte, sprang dieser vor Zorn an die beiden führenden Pferde, und wie er vorgab, einem Pferd das Geschirr zu lösen, griff der Bauer, der nicht von ungefähr war, nach dem Pflugmesser, sprang auf den Ritter zu und schlug ihm die Sege ins Genick, dass dieser, ohne sich wehren zu können, tot zu Boden stürzte.

Des Ritters Tod war alsbald überall kund, worauf die Bauern die Warenburg plünderten und in Brand steckten. Seither gehe die Mär um, dass der Ritter des nachts und bis heute als Geist rund um die Ruine der alten Bug spuke, im ganzen Gewann und im nahen Eichenwald wandle, den die Villinger später Laible nennen werden.

So erschrecke er die Leute, nehme vielfach mancherlei schreckliche Gestalt an, werfe von der Ruine mit Steinen und Prügeln nach denjenigen, die vorbei ziehen oder stelle sich ihnen in den Weg, um sie zu äffen.

Schlussstein der Warenburg; heute eingebaut in der Fassade der Gaststätte „Ott

Wer allerdings Glück hatte, der konnte bei der Warenburg schon Geld von altem Gepräge finden, wonach schon viele in den alten Gewölben und Gemäuern auch gesucht hätten.

Auch ein nicht näher bekannter Hartmut habe auf die Johannesnacht dabei fast sein Leben verloren.

Des Abends, sowie die Glocke 10 Uhr schlug, sei er mit Hacke, Laterne, Strick und einem Sack vom Dorf weggegangen, um bei dem alten Raubritter-Nest auf dem Warenberge sein Glück zu machen.

Als der räuberische Hartmut an der geschleiften Burg ankam, hatte die Glocke gerade 23 Uhr geschlagen, was bedeutete, dass der Berg für ihn doch ziemlich hoch und ihm der Pfad dorthin nächtens schwierig war.

Unter dem Burgtor habe er sich auf einen Stein gesetzt und Licht in seiner Laterne gezündet. Als er so umher leuchtete, sah er jedoch nicht weiter als bis zum Gewölbe hinter dem brüchigen Torbogen.  Und weil er die schwüle Nacht zu einem üblen Zwecke verplant hatte und die Schnaken ihn umschwärmten, schmauchte er erstmal sein Pfeifchen, bis die Glocke 24 Uhr schlug.

Als er sich zur Mitternacht gefasst hatte, stand er auf, nahm seine Laterne, Hacke und Strick auf dem Rücken, und ging recht furchtlos in das Gewölbe hinein.

Nie hatte Hartmut sich in seinem Leben je gefürchtet, war er doch als kecker Jüngling von zuhause abgehauen und soll bei kriegerischen Herren als Reisiger und als Reiter während des 30-Jahre-Kriegs gedient haben.

Von Ortskundigen wusste Hartmut, dass im Gewölbe auch ein tiefer Brunnen einen Quell‘ spendete, man dahinein aber inzwischen auch den höllischen Burg-Hund geworfen habe.

Mit dem Schein der Laterne leuchtete der furchtlose Hartmut hinunter in die Tiefe und um sich herum. Ein langer, ovaler Stein kam ihm gerade recht. Um diesen band er seinen Strick und um den Leib gürtete er sich den Sack und die Hacke, an den Hals hing er die Laterne und  glaubte sich so gut gerüstet, sich in den Brunnen abzuseilen, der ihm nicht sonderlich tief erschien.

Der Abstieg in den Brunnen, viereckig ausgemauert mit behauenen Steinen, war für Hartmut nicht beschwerlich, um den Brunnenboden zu erreichen, wo er rundum leuchtete, er aber zu seiner Enttäuschung nach keiner der vier Seite eine Öffnung fand.

Doch sein räuberisches Begehr war eher anders, als er es vor Ort erkennen musste. Und er dachte bei sich, dass das Glück ihm heute wohl nicht hold war, weil er wahrlich auf Sand stand und er seinen Schlaf vergebens der mutig angegangenen Nacht geopfert hatte.

Er musst über sich selbst den Kopf schütteln und heftig lachen, dass es gar seine Gerätschaften durchrüttelte, die ihn wie eine Rüstung eigentlich behinderten.

Und als ob er Teufel es gewollt hätte, schlug er mit der Hand an die Hacke, die ihm wie ein Säbel an der linken Seite hing, zog sie voll Verdruss aus dem gebundenen Strick heraus, schlug damit auf den Grund des Brunnens und fluchte: ,,Oh, hätte ich euch hier, ihr Lügenmäuler, die mich so anmachten, dass in diesem verdammten Loche hier Geld in einer Truhe stünd‘, so würde ich euch die Köpfe und die Rippen damit einschlagen.“

Dabei nahm er abermals die Hacke, schwang sie in die Höhe, um noch einmal zornig auf den Boden zu schlagen, doch schlug er fehl und an die Wand, all wo sie abprallte und ihm an den Kopf fuhr, so dass er rückwärts und in halber Ohnmacht zu Boden sank.

Wie er benommen wieder zu sich kam und er die Augen aufschlug, erschrak er nicht wenig. Und so rieb er sich die die Augen und erkannte im fahlen Licht seiner Laterne, dass neben ihm ein kaum drei Fuß hohes, kleines, kropfiges und bucklichtes schwarzes Männchen stand, das seine großen, breiten Zähne zeigte.

Weit später sollte Hartmut den Kindern im Ort noch erzählen, die Zähne des Gnoms wären je einen Zoll groß gewesen und so breit wie ein kleiner Finger.

Doch noch vor Ort hielt ihm der Zwerg mit seiner Rechten einen Schwamm unter die Nase, der zu seiner Überraschung sehr gut roch, und hielt in der linken Hand ein Licht.

Dem Anblick nun war Hartmut kaum gewachsen, weshalb er bei dieser Erscheinung wohin auch immer abhauen wollte. Ob dieser Angst fing der Kleine an, entsetzlich zu lachen.
In größter Furcht fasste Hartmut mit dem Mut der Verzweiflung nach seiner Hacke, um den  Zwerg zu Boden zu schlagen.
Doch der Zwerg duckte sich und  krächzte fast: ,,Du ungeladener Gast,  du willst mich mit solcher Münze hier in meinem Reiche bezahlen“, worauf er mit dem rechten Fuß auf den Boden stampfte und gegen die Wand deutete.

Hartmuts Blick war erschrocken, denn es war ihm, als wenn sich die ganze Wand weg geschoben hätte, und alles ringsum wurde hohl und von allen Seiten her wurde er von lauter so kleinen pechschwarzem, bucklichtem Gesindel beiderlei Geschlechts umgeben. Sie bedrängten ihn so dicht, dass er glaubte, er sei seiner letzte Stunde nahe.

Da schlugen die Zwuckel ihre Hände zusammen, patschten und sangen dazu ein unverständlich‘ Lied, so dass Hartmut glaubte, er sei in einer jüdischen Schule.
Mit dem letzten Ton gingen sie wieder auseinander, nur der Erste blieb, der ihn bei des Hartmuts Ohnmacht mit dem Schwamm angestrichen hatte.

Es war nun dem Hartmut wieder etwas leichter auf seiner Brust, er fasste seinen Mut zusammen und sagte zu dem ersten unter den gleichen Zwergen:
,,Höre, guter Kleiner! Was soll denn hier aus mir werden und warum haben mich so viele von den Deinen bedrängt?“ –
„Ha, ha, ha, das sollst du wissen, du  geldgieriger Bube. Denn wisse, die Burg stand in meinem Eigentum und alle, die dich bedrängten, waren meine höfischen Untertanen, die mit mir wegen unserer Frevel und Gräueltaten, die sie mit mir und für mich verübten, hier als Zwerge und Geister verbleiben, bis es dem Allmächtigen gefällt, uns zu sich zu rufen. Aber noch habe ich genügend Macht, auf allen meiner Güter, meiner Wälder und in diesem alten Felsnest zu hausen und die Menschheit zu ängstigen und zu bedrücken. Und ich bewahre hier auch einen kleinen Schatz, dort in einem Kästchen. Deshalb komm‘ mit, Hartmut, ich will dich reichlich beschenken.“
Hartmut folgte dem Zwerg, und als sie zum Kästchen kamen berührte es der Zwerg mit seinen Fingerspitzen. Der Deckel sprang auf und Hartmut füllte von dessen Inhalt so viel er tragen konnte in seinen Sack. Und wie er eben genug hatte, so schloss sich der Deckel wie von selbst.

Hartmut wollte den Sack auf seinen Rücken nehmen, doch war dieser viel zu schwer. Nun lachte der Zwerg fast gar ein wenig verächtlich und krächzte:  „Komm, ich will dir den Sack tragen.“  Nahm ihn auf seine Rücken, und siehe, als er ihn auf seinem Rücken hatte, verschwand über ihnen das ganze Gewölbe und Hartmut und der Zwerg standen jetzt in dem Viereck des Brunnenschachtes, in den sich Hartmut herabgelassen hatte.

Vor lauter neuerlichem Schreck setzte sich Hartmut auf das gewundene Seil. Der Zwerg setzte sich neben ihn, murmelte ein paar unverständliche Worte und wie vom Bogen geschossen schnellten beide hinauf in die Oberwelt.

Es war eine wahre Befreiung, als der Zwerg den Sack auf den Boden stelte:
,,Nun, Hartmut, nimm den Sack auf deinen Rücken und gehe damit nach Haus. Und denk‘ dran und gib es weiter, in 700 Jahren kann hier wieder ein Sack voller Schmuck, Geld und Gold  geholt werden. Aber vor dieser Zeit ist allen Sterblichen der Zugang zum Schatze versperret“.
Mit diesen letzten Worten entschwand der Zwerg und Hartmut rieb sich die Augen. Er schlug den Weg nach Haus ein und erzählte seine Geschichte, doch wie wertvoll sein Schatz geworden war, behielt er für sich…

Frei nacherzählt nach: Badische Sagen, Friedrich Pfaff aus dem Nachlass A. Birlinger „Vom Ritter zu Schloss Warenberg“, Amt Villingen im Schwarzwald; erst-erzählt von Josef Glatz, Rietheim, in Alemannia Bd. 1, 1909.

Bibliophiler Hinweis

Volkstümliche Sagen, meist aufgeschrieben im 19. Jahrhundert, sind eine schlichte, phantastische Dichtungsart, getragen von dienender Einbildung.

Sie bewegen sich schon im 19. Jahrhundert in einer romantischen Tradition, die von den Gebrüdern Wilhelm und Jacob Grimm ausging und durch diese „den verborgenen und allbelebenden Volksgeist“ fortsetzten.

Hierher passt auch die Sage „Vom Ritter zu Schloss Warenberg“, einer zunächst auf mündlicher Überlieferung beruhenden Erzählung, die mythologisch an zweifellos reale Gegebenheiten anknüpft, sie aber phantasievoll ausmalt und an bestehende Sagenkreise, in Form von Wandersagen, anknüpft.

Inhaltlich verwandt ist der Ritter vom Warenberg mit zahlreichen Geschichten des Boppele vom Hohenkrähen, der als Spukgeist im Hegau umgeht.

Die Geschichten gelten als  geradezu indifferent, wenn es beim Warenburg-Ritter heißt, er „muss als Geist im alten  Schloss, auf seinen Gütern und im Walde wandeln und besonders in dem kleinen Eichenwäldchen, das da später Laible genannt wird“.

Da äffe er die Leute, nehme mancherlei Gestalt an, werfe nach Passanten vom Schloss mit Steinen und Prügeln und stelle sich ihnen in den Weg…

1 Gedanke zu „Der letzte Ritter der Warenburg“

  1. Interessant,
    wie sich Geschichten und Legenden bilden um einen Ort,
    dessen Ursprung immer noch im Dunklen liegt.
    Trotz aller Fakten, die über die Warenburg bekannt sind,
    ist noch vieles ungeklärt.
    Was hat es auf sich mit dem keltischen Fürstengrab
    und den 126 Nachbestattungen, ohne eine Siedlung,
    in der viele Kelten lebten.
    Das Laible, topographisch ideal für eine Keltensiedlung mit Fliehburg
    im Osten und Grabstätte im Westen, eine „Heuneburg“ des Brigachtals??
    Man darf doch spekulieren.

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