Schönheit am Latschariplatz

So mancher schaut ehrfürchtig, sich nostalgisch erinnernd auf Fotos von einst, auf denen die Großeltern oder noch älter, die Urgroßeltern dem Fotografen still standen, beieinander saßen oder sich inszenierten.

Dass die Urgroßmutter über Jahrzehnte gar das Stadtbild öffentlich prägte, ist nicht jedem Urenkel so ergangen. Wohl aber den Geschwistern Thomas und Anette Distel zunächst bis 2015.

„Gucket, des isch eure Urgroßmutter.“, hieß es, wenn sie als Kinder mit Eltern oder Oma am ehemaligen Haus Ackermann, dem späteren „Haux-Haus“ am Latschariplatz vorbeikamen, und hoch zur schönen Patrizierin schauten. Lange galt es als Rätsel, wer für sie wohl Modell gestanden hat, die seit rund 100 Jahren sinnlich über den Villinger Marktplatz blickt.

Es war Mathilde Honold geborene Gruber, die als ehemals bildschöne Frau zum Ebenbild wurde, als das Standbild Anfang des 20. Jahrhunderts zu Wer-bezwecken im Auftrag des damaligen Kaufhauses durch dessen Eigentümer Joseph Boss entstand.

Dazu soll der Villinger Steinmetz, Gipser und Bildhauer Kistenfeger Mathilde Honold Zentimeter genau „vermessen“ haben, um sie schließlich als stattliches Ebenbild zu modellieren. Ein real langes Leben war Mathilde Honold nicht vergönnt, sie kam 1889 zur Welt und starb mit 48 Jahre im Jahr 1937.

Von Regen, Wind und Wetter gezeichnet rückte die lebensgroße Figur wieder ins populäre Licht, als sie im Zuge der Fassaden-Renovierung im Sommer 2015 farblich wieder einen frischen Glanz bekam. Doch auch die Restaurierung konnte die ursprüngliche Identität der Frau hoch am Eck zunächst nicht klären.

Dann aber waren es die beiden Urenkel des Modells Honold, eben Sohn und Tochter des früheren Lehrers, des energischen SPD-Mannes und Gemeinderates Dietrich Distel, sowie Christa Lennartz, lange Jahre Wirtin im „Schlachthaus“, die aufklären konnten.

Mathilde Honold, geborene Gruber, war die erste Ehefrau von Christas Vater Franz Josef Honold, der im legendären Gasthaus „Ott“ wirtete und der 1923 den „Schlachthof“ erwarb.

Weiß man über den Steinmetz und Bildhauer auch nur wenig zu dessen Identität, gilt als gesichert, dass er wohl zu den Stammgast im „Ott“ zählte und ihm dort die Wirtsfrau Mathilde mit ihrer Figur und ihren Maßen Ideal gefallen konnte.
Nun stammen die benannten Urenkel von Mathilde Honold, Thomas und Annette Distel, aus der Linie eines der vier Kinder dieser ersten Ehe des späteren langjährigen Schlachthof-Wirtes Honold.

Ob im engeren Familienkreis der Honold/  Gruber-Linie oder des späteren Honold/Lennartz-Stammbaumes, immer kam bei Familienfesten das „Thema Mathilde“ auf den Tisch, deren Antlitz und physischen Maße die stattliche Frau im Patriziergewand am damaligen Kaufhaus, später Ackermann, dann Haux und Pimkie und heute Schuh-Schweizer, bestimmten.

Urkundlich gibt es keine Hinweise darüber, weshalb die Geschichte der schönen Frau über Jahrzehnte hinweg bis in unsere Zeit (2026) nur in den Familie lebendig war und erhalten blieb.

Maßgeblich war eben auch der Villinger Urenkel Thomas Distel, der von Augsburg aus das große Fragezeichen um den Ursprung des beliebten Fotomotivs löste.

 

BU

Eine schöne Braut war Mathilde Gruber vor rund 100 Jahren, die spätere „Schöne vom Haux-Haus“ bei ihrer Hochzeit mit Franz Josef Honold. Sie stand Modell für die Figur im Patriziergewand am Villinger Marktplatz, der noch immer auch als Latschariplatz gilt.

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