Von der Diskussion um Dialekt im Alltag?

Was sind Zibebe und wer hockt am Latschariplatz?

Ja, die Diskussion ist aktuell, und somit deutlich auch in Baden-Württemberg. Dabei hat sich der Disput sogar etwas verändert. Ging es früher oft darum, ob Dialekt „bildungsfern“ oder ein Hindernis bei der Karriere sei, geht es heute stärker um lokale Identität, um regionale Zugehörigkeit und um die Frage, wie viel Dialekt im normalen Alltag noch selbstverständlich ist.

Interessant sind dabei drei Entwicklungen:

Der Dialekt soll ausdrücklich wieder im Alltag zu hören und zu verstehen sein. Dazu verfolgt die Landesregierung seit geraumer Zeit eine eigene „Dialektstrategie“ und will damit Mundarten auch in Kitas und Schulen stärker berücksichtigen. Dadurch gilt eben in 2026 das Thema als sehr präsent.

Dazu fand im Juni in Oberkirch mit der DIALECTA_26 erstmals eine große Mundartmesse statt – ausdrücklich mit dem Anspruch, den Dialekt als etwas Gegenwärtiges und Zukunftsfähiges zu zeigen, keinesfalls als Folklore.

Und auch politisch wird inzwischen selbstbewusst für die Dialekte geworben. Ministerpräsident Cem Özdemir sagte im August 2026 sinngemäß: Es gebe keine „Sprachpolizei“. Jeder solle so reden, wie ihm der Schnabel gewachsen sei.

Und auch wissenschaftlich ist die Sache interessanter geworden. Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung zur deutschen Alltagssprache zeigt, dass regionale Unterschiede weiterhin der stärkste Faktor für die tatsächliche Alltagssprache sind. Gleichzeitig verändern das Alter, das Geschlecht und die soziale Mobilität den Sprachgebrauch.

In offizieller Sicht und im wirklichen Alltag sieht es dagegen differenzierter aus.

Der breite, echte Ortsdialekt – einst noch deutlich ausgeprägt rund um die Narrenhochburg Villingen und das dortige Orts-Alemannisch – ist etwas anderes als das heute häufige „leicht regional eingefärbte Deutsch“. Und eben darin liegt die spannende aktuelle Diskussion.

Wie aber kann man nun Dialekt als Kulturgut bewahren, wenn es selbst einigen närrischen Zunftoberen nachhaltig schwerfällt, sich konsequent des Dialekts ihrer eigenen sogenannten ‚Mottersproch‘ zu bedienen, oder sollte man den Dialekt tatsächlich wieder wie selbstverständlich sprechen?

Denn wenn man Dialekt nur noch von wenigen lokalen „Nativ Smalpeakern“ an den Schulen hört, übers Jahr zwei, drei mal auf der Mundartbühne, ihn an der Fasnet und bei Heimatveranstaltungen pflegt, ist er zwar dokumentiert, aber kein eben nicht im wirklichen Alltag mehr.

Denn dann werden die wenigsten „Zibeben“ als am Rebstock getrocknete Trauben als besondere Rosinen kennen und am „Latschariplatz“ wird man kaum die „Latschis“ als einfältig herumstehende und selbstvergessene Zeitgenossen erkennen.

Und so ist das nicht nur für Villingen eine interessante Frage: Wie viel echten Dialekt hört man heute noch auf der Straße, im Geschäft, in der Wirtschaft oder unter jungen Leuten?

Schriftlich und um es zu lesen, gibt es wenig nur, allenfalls in privaten Blogs als Nischen mit der Kategorie „Mundart“ , denn nur dort steckt oft mehr dahinter als bloß ein paar lokal gefärbte Sprachvarianten.

Als Dialekt-Transkriptor ist und war Hermann Alexander Neugart (1894–1975)  für die Villinger Mundart nicht einfach irgendein Autor. Mit seinen Texten in den 1960ern gelang es ihm, alten Villinger Sprachgebrauch zu überliefern.

(siehe einen Auszug im Kasten)

Auch der Geschichts- und Heimatverein Villingen hat sich mehrfach mit Neugart und seinem Werk beschäftigt; etwa mit seinen Geschichten über „Villinger Originale“.

Sauber zu unterscheiden fällt folglich schwer zwischen Neugarts überlieferter Villinger Mundart – als historisch sprachliche Quelle, der heute noch gesprochenen (Villinger) Mundart,

und dem heutigen, oft nur noch regional eingefärbten Hochdeutsch.

Die Leseprobe macht die Frage nach dem heutigen Dialektgebrauch übrigens erst richtig interessant: Was von Neugarts Villinger Mottersproch ist tatsächlich noch lebendig und was ist bereits zur Erinnerung geworden?

Leseprobe

Vum Marili un vum Zagategau

Dees sin no Ziite gsi, ’s hät om grad blangered,  bis mer am Mentig- oder am Zischtigzobed hät kinne gi Zagate gau. Mengmol isches eweng bschnotte heärgange un d‘ Schtube isch gnottletvoll gsi. Uf em Disch sin Pasili gschtande oder Badengili, am Ofe isch e Dragede Käaholz glege zum aafire, un im Ofeloch isch e Kächili gsi mit e baar Schapfe us de Wassergschtande, dusse nebem Dachkäerner.

Vu de Alte isch äwel zerscht de Becke-Xaveri kumme, deär Doagaff! Un wieä ischer ämol a’gschieret gsi?  D‘ Hose ischem a sim Ranze nabglotteret, baischke hät er miese wieä e alti Kue, deär alt Dolori, un no isch er au no zvorderschtna ghocket, deär Koog.

Do hät ‚r a sire Dubackpfiife sucklet un de Schbiib ischem vu de Lefzge drielet, wenner sich reächt kääb a d‘ Modder nadruckt un  mit de Händ umenand fagottet hät, dass ere ’s Fadekrättle fascht nabkait isch.
(aus www.gereimtheiten.de)

Weitere Quellen: Muettersproch-Gsellschaft, E lockere Hilf zur alemannischen Grammati, 1982, 1998;
50 Jahre Baden-Württemberg, Mundart-Veranstaltungen

 

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